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Qualität aus dem echten Norden

TOP 4, Große Anfrage Ernährungswirtschaft in Schleswig-Holstein (Drucksache 18/2478)

Ernährungswirtschaft und Schleswig-Holstein, das gehört zusammen, seit Generationen. Lebensmittel aus dem echten Norden haben einen guten Ruf und sind über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Das bestätigen die Antworten auf unsere Große Anfrage zur Ernährungswirtschaft, für die ich mich bei der Landesregierung, bei Minister Habeck und den beteiligten Häusern ausdrücklich bedanke.

Mit vielen Ortsnamen assoziieren wir herausragende Produkte des Landes: Lübeck, Silberstedt, Elmshorn, Flensburg, Böklund, Hamfelde, Ahrensburg. Und auch Neumünster ist mit der Ernährungswirtschaft verbunden: das Landeslabor, das Milchtrocknungswerk, die Mühle Rosenkranz, EDEKA Nord, die Regionalen Berufsbildungszentren und das KIN.

Zur Ernährungswirtschaft gehören alle Wirtschaftsbereiche, die sich mit der Produktion, der Verarbeitung und dem Handel von Lebensmitteln befassen. Und das sind in Schleswig-Holstein zahlreiche Betriebe und Unternehmen in unterschiedlichster Größe und Ausrichtung. Wir haben Netzwerke, initiativen und Erzeugergemeinschaften, in denen die Akteure ihr Fachwissen, ihre Ideen zusammenbringen.

Wir haben zahlreiche Ausbildungsgänge im dualen System, mit engagierten Ausbildungsbetrieben und guter beruflicher Bildung. Wir haben Forschung und Entwicklung, mit Studiengängen an mehreren Hochschulen, Kooperationen zwischen Fachhochschulen und Wirtschaft sowie Kompetenzzentren.

Die Wertschöpfung der Primärproduktion ist in Schleswig-Holstein annähernd doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Die Beschäftigungszahlen zeigen, dass das verarbeitende Gewerbe neben dem Maschinenbau und der Energiewirtschaft der personalintensivste Wirtschaftszweig ist.

Vor dem Hintergrund der vielschichtigen Debatte um gesunde Ernährung und nachhaltige Produktion müssen wir uns die Frage stellen, ob unsere Ernährungswirtschaft zukunftsfähig aufgestellt ist. Der Konzentrationsprozess, der Strukturwandel setzt sich fort. Lebensmittel werden in Deutschland immer billiger, das ist auch der Grund, warum die Bedeutung der Landwirtschaft innerhalb der Volkswirtschaft immer weiter zurückgeht.

Gleichzeitig wollen Verbraucher Lebensmittel aus der Region, aus einer Produktion, die umwelt- und tiergerecht ist. Zunehmend sind Verbraucherinnen und Verbraucher bereit, für nachhaltig produzierte Lebensmittel mehr Geld auszugeben. Regionale Vermarktung spielt dabei ebenso eine Rolle wie der insgesamt wachsende Markt für Bio-Produkte.

Das Leibnitz Institut betrachtet in einem Sammelprofil die Wertschöpfungskette „Umwelt-Mensch-Ernährung-Gesundheit“. Das beschreibt für mich sehr umfassend die Vielschichtigkeit der Ernährungswirtschaft. Ökonomie, Ökologie und Soziales miteinander im Sinne nachhaltiger Wirtschaft zu denken und zu entwickeln, ist die Herausforderung.

Ob der gesellschaftlichen Bedeutung und der sich daraus ergebenden Herausforderungen an Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Politik gründete die Fraunhofer Gesellschaft die „Allianz Food-Claim-Management“. Ein Management der Wertschöpfungskette in der Ernährungswirtschaft von der Urproduktion über die Verarbeitung und den Handel bis hin zum Verbraucher, das ist der Ansatz, den wir auch in Schleswig-Holstein verfolgen müssen.

Zukunft gestalten heißt auch, die Bewertungsskala neu zu justieren. Heute reicht es nicht mehr, permanent Vergleiche von Brutto-Wertschöpfung oder nackten Arbeitsmarktzahlen anzustellen. Wir müssen genauer hinsehen und hinhören, um zu erfassen, was Menschen beschäftigt, wie sie ihr Leben gestalten wollen, was sie unter Lebensqualität verstehen. Und diese Frage ist deshalb im Zusammenhang mit der Bedeutung der Ernährungswirtschaft für unser Land so wichtig, weil die Qualität der Ernährung ein Faktor für Lebensqualität ist.

Produkte aus Schleswig-Holstein sind schon heute vielfach echte Qualität. Das Gütesiegel der Landwirtschaftskammer existiert in diesem Jahr seit 50 Jahren. Das Zeichen hat Tradition, ist bekannt und soll sich weiterentwickeln zur geprüften Qualität aus dem echten Norden. Dabei müssen wir uns mit unserem Qualitätsbegriff auseinandersetzten, Qualität kann sich nicht nur aus der Abwesenheit von Schadstoffen herleiten. Qualität bei Lebensmitteln hat viel mit der Produktionsweise zu tun. Denn die zunehmende gesellschaftliche Diskussion um die Art und Weise, wie wir uns ernähren, wie Lebensmittel produziert werden, ist für Schleswig-Holstein Chance und Herausforderung zugleich.

Hier im Land produzieren verantwortungsbewusste Landwirtinnen und Landwirte hervorragende Lebensmittel. Sie müssen wir bei einer nachhaltigen, ressourcenschonenden Produktionsweise unterstützen und ihnen den notwendigen Raum für wirtschaftliche Entwicklung geben. Auch indem wir Leitplanken formulieren, die überprüfbar sicherstellen, dass sich alle an die Regeln halten. So können wir unsere Kulturlandschaft erhalten, der Natur den nötigen Raum geben und unser Wasser schützen.

Bei meinen Terminen vor Ort erlebe ich viele gut ausgebildete Landwirtinnen und Landwirte, die sehr wohl eine Vorstellung, eine Idee von einer nachhaltigen, tiergerechten Landwirtschaft haben. Für die „wachse oder weiche“ keine Option ist, die aber auch sagen, Agrarwende geht nicht, es kann keine Wende im Sinne einer Kehrtwende sein, es darf nicht um ein Zurück gehen, wir brauchen ein neue Richtung, einen anderen Weg.

Dazu gehört für uns auch, den ökologischen Landbau weiter zu fördern. Hier hilft der „Zukunftsplan Öko“, den Bundeslandwirtschaftsminister jüngst vorgestellt hat, nämlich 20 % Flächenanteil beim ökologischen Landbau zu erreichen. Ein größeres Angebot an regionalen Bioprodukten bedeutet auch größere Artenvielfalt auf unseren Äckern. Hier ist die europäische Öko-Verordnung für die Zukunft des ökologischen Landbaus entscheidend. Der EU-Rechtsrahmen muss sichere, ökologisch produzierte Produkte fördern, damit der wachsende Markt für Bio-Produkte aus der Region bedient werden kann. Zentraler Punkt ist die Prozesskennzeichnung; es kommt nicht darauf an, welche Rückstände nachgewiesen werden, sondern auf welche Art und Weise Tiere gehalten und wie die Produkte angebaut werden. Die Überarbeitung der EU-Regelungen muss auch darauf abzielen, die Kontrollen von importierten Produkten zu verbessern – auch zum Schutz der hiesigen Öko-Bauern.

Dabei geht es für uns nicht darum, konventionelle Landwirtschaft und Öko-Landbau gegeneinander zu stellen. Beide Bewirtschaftungsformen werden durch EU-Gelder aus der 1. Säule gefördert, für beide müssen wir aus der 2. Säule Unterstützung, Innovation und Forschung zuverlässig sichern.

Und erinnern wir uns an die öffentliche Hochschultagung der CAU mit dem deutlichen Hinweis, dass es gelingen muss, zwischen Grundlagenforschung und Praxis eine praxisorientierte Forschung zu etablieren, die die Probleme auf dem Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft erkennt und Lösungsansätze bietet. Ebenso bei dem Thema Nutztierhaltung ist noch Klärungsbedarf bei der Frage, was ist denn tiergerecht, wie messen wir Tierwohl, wie begleiten wir die Entwicklung von Tierhaltungsformen. Damit wir nicht glauben und fühlen, sondern einfach auch mal wissen, um dann auch konsequenter entscheiden zu können.

Wir hatten vorgestern die Diskussion um multiresistente Keime. Eine Tierhaltung, die nicht ohne Antibiotika auskommt – da meine ich nicht die kranke Kuh, das kranke Schwein, aber die beschriebenen 10.000 Puten –, die geht nicht mehr, da müssen wir handeln und Konsequenzen ziehen.

Das wachsende Bewusstsein bei den Verbrauchern, die Diskussionen um unseren Fleischkonsum – also nicht ob, sondern in welcher Menge und wie produziert – führt zu Reaktionen. Labels, Initiative Tierwohl und nun hat Aldi-Süd erklärt, auf die Herkunft und Haltungsformen des Fleischs achten zu wollen, sind erste, wenn auch bescheidene Hinweise. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch die Resolution, mit der das EU-Parlament die Kommission aufgefordert hat, einen Gesetzesvorschlag vorzulegen, in dem die Herkunftsangabe von allen Fleischprodukten klar geregelt ist. Für frisches Rindfleisch muss seit dem BSE-Skandal angegeben werden, in welchem Land die Tiere aufgezogen und geschlachtet wurden. Ab April gilt das auch für frisches Schweine-, Geflügel-, Schafs- und Ziegenfleisch. Die Transparenzinitiative jetzt zielt auf weiterverarbeitete Produkte ab.

Die Frage der Bedeutung und der Entwicklung der Ernährungswirtschaft ist eng mit der Entwicklung der ländlichen Räume verbunden. Wir brauchen eine in den ländlichen Raum eingebundene Landwirtschaft mit regionaler Veredlung und Weiterverarbeitung. Schon jetzt sind Schleswig-Holsteins Produkte zwar weltweit gefragt. Sie werden aber zu einem großen Teil als Rohware (Getreide, Raps) oder nur wenig weiterverarbeitet exportiert (z.B. Milchpulver).

Mein Wunsch ist, Wertschöpfungsketten stärker innerhalb des Landes zu etablieren. Wir brauchen Wirtschaftszweige und Unternehmen, die die hier bei uns produzierten Rohstoffe verarbeiten. Wirtschaftszweige, die ineinandergreifen und aufeinander aufbauen, z.B. Tourismus und regionale Spezialitäten, erneuerbare Energien und Gemüseanbau. Wir brauchen Transfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, damit kleine und mittlere Unternehmen durch Innovation glänzen und unsere Hochschulen ebenso. Weiterentwicklung des lebenslangen Lernens, um Ressourcen in Bewegung zu halten und Fachkräfte zu sichern. Wir wollen lebendige Orte mit Arbeitsmöglichkeiten, Kinderbetreuung, Schulen, medizinischer Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten und einer guten Infrastruktur in unseren ländlichen Räumen.

Für all das kann Ernährungswirtschaft Bedeutendes leisten. Wenn Menschen in einem Bereich arbeiten, der mit dem Lebensumfeld räumlich und ideell verknüpft ist, stärkt das die Region insgesamt. Wir wollen und brauchen deshalb auch gute Arbeitsplätze, wenn wir Perspektiven für Firmen, Beschäftigte und für Bürgerinnen und Bürger aufzeigen wollen.

Eine Stärke der Ernährungswirtschaft ist ihre Bandbreite unterschiedlich qualifizierter Arbeitsplätze. Gute Arbeit ist für die Sozialdemokratie immer ein Kriterium. Das gilt für Erntehelferinnen und Erntehelfer ebenso wie für hoch qualifizierte Fachkräfte. Hier profitieren Menschen durch den gesetzlichen Mindestlohn. Und wir werden noch dieses Jahr den Bedarf an Beratungsstellen für mobile Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ermitteln, dafür hat die Koalition im Haushalt Mittel bereitgestellt. Gute Arbeit bedeutet, dass wir Menschen Perspektiven bieten – und die Ernährungswirtschaft hat gute Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber in Schleswig-Holstein, die qualifizierte Arbeitskräfte brauchen.

Ernährungswirtschaft braucht Märkte. Absatzmärkte, auf denen für hohe Qualität faire Preise gezahlt werden. Das ist der Markt vor Ort, das sind Angebot und Nachfrage regionaler Produkte, das muss zukünftig verstärkt die Metropolregion Hamburg sein und wie wir auf der Grünen Woche wieder erlebt haben, auch die anderen Bundesländer. Mit Dänemark und den Niederlanden haben wir bereits sehr gute Handelsbeziehungen im Bereich der Ernährungswirtschaft. Wir müssen hier den Ostseeraum zunehmend als Markt erschließen.

Das große Thema Ernährung, Gesundheit, Umwelt braucht Bewusstsein, braucht Bildung, braucht Haltung. Lassen Sie uns gemeinsam dafür sorgen, dass in Schleswig-Holstein Lebensmittel wertgeschätzt werden, dass sie nachhaltig produziert und verarbeitet werden. Dass Ernährungswirtschaft im echten Norden für nachhaltige Qualität steht.

Aus der Beantwortung unserer Großen Anfrage zur Ernährungswirtschaft ergibt sich eine Reihe von Herausforderungen. Sie alle haben damit zu tun, wie wir künftig leben wollen. Das würde ich im Detail gern mit Ihnen in den Ausschüssen diskutieren. Wir beantragen Überweisung in den Wirtschaftsausschuss (federführend) und den Umwelt- und Agrarausschuss.